Verhaltenskodex

zur Prävention vor sexueller Ausbeutung und Grenzverletzungen im Programm Ferienpass Niederlenz und Umgebung, organisiert vom Verein Ferienpass Niederlenz Stand Januar 2024

Die Vision, dass die Schweiz weltweit ein grossartiger Ort für Kinder und Jugendliche ist, prägt die Arbeit vom Verein Ferienpass Niederlenz. Um diese Zukunftsvision zu verwirklichen, entwickeln wir neue Programme, die allesamt drei Ziele verfolgen: sie sind für Kinder und Jugendliche identitäts-, gemeinschafts- und chancenstiftend. Dazu gehört auch, dass Kinder und Jugendliche in unseren Projekten und Programmen vor sexueller Ausbeutung und Grenzverletzungen geschützt werden.

Der folgende Verhaltenskodex wurde als Präventionsinstrument entwickelt und ist für alle im Programm «Ferienpass Niederlenz Zürich und Umgebung» tätigen Personen verbindlich. Er basiert - wie unsere gesamte Arbeit für Kinder und Jugendliche - auf der UNO-Kinderrechtskonvention.

Ziele des Verhaltenskodex

Die Aufarbeitung von Fällen sexueller Ausbeutung zeigt, dass subtile Grenzverletzungen lange vor der eigentlichen sexuellen Ausbeutung beginnen. Täter und Täterinnen sind Meister der Manipulation, gehen sehr strategisch vor und bauen sexuelle Ausbeutung systematisch auf. Was mit beiläufigen Grenzverletzungen beginnt, wird schleichend und im Verborgenen erweitert.

Auch in den Programmen und Projekten vom Verein Ferienpass Niederlenz gibt es Risikosituationen (= strafrechtlich noch nicht relevante Handlungen, heikle Situationen im Graubereich), die für sexuelle Ausbeutung ausgenutzt werden könnten. Eine Kultur der Transparenz und klare Qualitätsstandards für Risikosituationen erschweren manipulative Strategien und erhöhen Schwellen für mögliche Täter und Täterinnen. Allen anderen geben sie mehr Rückhalt, Orientierung und Schutz und stärken deren Handlungssicherheit. Mit dem Verhaltenskodex steht dem Verein Ferienpass Niederlenz ein Instrument zur Verfügung, Grenzverletzungen im Graubereich sachlich anzugehen und aufzufangen bevor es zu einer Straftat kommt.

Zur Beziehungsarbeit gehört angemessene emotionale und körperliche Nähe. Ebenso wichtig ist die rollenbewusste und situationsbedingte Distanz. Dieser Spagat verlangt eine permanente und sorgfältige Reflexion der eigenen Haltung und Handlungen in konkreten Situationen. Der Verhaltenskodex und konkret formulierte Standards im Alltag tragen zu dieser Reflexion bei.

Der Verhaltenskodex erfüllt die wichtige Aufgabe, Kinder und Jugendliche bestmöglich zu schützen, Mitarbeitende und Freiwillige vom Verein Ferienpass Niederlenz und seine Partnerorganisationen in ihrer Tätigkeit zu stärken und zu unterstützen. Er ist in der Ich-Form verfasst, da er ein verbindliches Statement für jeden Einzelnen darstellt.

1. Grundhaltungen

Macht und Verantwortung

Ich bin mir jederzeit bewusst, dass die betreuten Kinder und Jugendlichen abhängig und verletzbar sind. Gegenüber Kindern und Jugendlichen bin ich in einer Machtposition. Für die Gestaltung und Einhaltung von Grenzen bin immer ich verantwortlich. Ich unterlasse jeden Machtmissbrauch.

Besprechbarkeit und Transparenz

Ich bin bereit, meine Überlegungen und Handlungen in Risikosituationen jederzeit gegenüber dem Team oder der Leitungsperson transparent zu machen. Ich bin offen und kritikfähig. Ich spreche Unsicherheiten, Irritationen oder Fragen zu Risikosituationen oder Handlungen im Graubereich (sprich ohne strafrechtliche Relevanz, vgl. Interventionsablauf im Schutzkonzept) proaktiv an. Dabei habe ich eine Bring- und Holschuld.

Klarheit meiner Rolle

Ich trenne zwischen meiner Rolle beim Verein Ferienpass Niederlenz und meinem Privatleben und vermeide Vermischungen. Ich bin in dieser Rolle verantwortlich, dass situationsgerechte und rollenklare Grenzen eingehalten werden. Diese unterscheiden sich klar von meinen Grenzen im familiären Kontext. Meine Rolle und meine konkrete Aufgabe bestimmen damit auch die emotionale und körperliche Nähe zu den mir anvertrauten Kindern und Jugendlichen.

Selbstreflexion

Ich nehme mir Zeit, meine Rolle und meine Aufgaben für den Verein Ferienpass Niederlenz im Austausch mit dem Team oder der Leitungspersonen zu reflektieren. Ich gehe Unsicherheiten zu Risikosituationen aktiv an und habe ein Recht darauf, dass diese im Team oder mit der Leitungsperson besprochen und geklärt werden. Damit trage ich bewusst zu einer höchstmöglichen Qualität (vgl. Standards zu Risikosituationen) und Transparenz in Bezug auf Nähe und Distanz bei.

Körperlichkeit in der Beziehungsgestaltung

Im Rahmen meines Auftrages passe ich den Körperkontakt zu den mir anvertrauten Kindern und Jugendlichen der Situation und meiner Aufgabe an. Ich bin jederzeit für die Beziehungsgestaltung verantwortlich und halte mich an das Grundprinzip: „So viel Körperkontakt wie nötig, so wenig wie möglich“. Das Wohl und die Integrität der Kinder und Jugendlichen habe ich immer im Auge.

Schutzauftrag

Ich respektiere die seelische, körperliche und sexuelle Integrität der mir anvertrauten Kinder und Jugendlichen und vermeide jede Handlung, die diese verletzt. Ich bringe der Privat- und Intimsphäre der Kinder und Jugendlichen ein Maximum an Respekt entgegen.

Meldepflicht (vgl. Interventionsablauf im Schutzkonzept)

Ich verpflichte mich, mich bei begründetem Verdacht auf sexuelle Ausbeutung oder Grenzverletzungen durch Mitarbeitende oder Freiwillige vom Verein Ferienpass Niederlenz unverzüglich an die dafür zuständige interne oder externe Ansprechstelle oder die zuständige Leitungsperson zu wenden. Dies betrifft beispielsweise Aussagen von Betroffenen oder deren Eltern zu Straftaten. Damit werden die interne Fallführung und Koordination aller Schritte abgegeben. Im Falle eines Verdachts auf Straftaten ist die Konfrontation des Beschuldigten nie meine Aufgabe und unbedingt zu unterlassen.

2. Standards zu Risikosituationen

Körperkontakt

Die Verantwortung und die Abgrenzung bezüglich Körperkontaktes liegen immer bei mir, niemals beim Kind oder Jugendlichen. Ich beachte die Bedürfnisse und Signale der Kinder und Jugendlichen und stimme meine Reaktion rollen- und situationsgerecht darauf ab. Eine liebevolle, angemessene Zuwendung beim Trösten ist selbstverständlich z.B. durch tröstende Worte und Aufmerksamkeit.

Wahl der Räume und Örtlichkeiten

Bei der Wahl der Räume und Örtlichkeiten achte ich darauf, dass eine Betreuungsperson nie alleine mit einem Kind oder Jugendlichen ist. Digitale Räume werden vom Verein Ferienplausch, der Schule oder den Veranstaltenden eingerichtet. Sie sind für Kursverantwortliche jederzeit zugänglich und werden nach der Veranstaltung geschlossen. Ich bin mir bewusst, dass die durch digitale Räume erworbenen Daten nach der Veranstaltung nicht mehr verwendet werden dürfen.

Übernachtungen

Der Schlafplatz gehört dem Kind oder Jugendlichen. Ich lege oder setze mich nicht dazu. Ich halte mich nicht alleine mit den Kindern oder Jugendlichen in einem geschlossenen Schlafraum auf. Spontane Einblicke in den Schlafraum sind gewährleistet. Kinder und Jugendliche übernachten getrennt vom Betreuungsteam. Mädchen und Jungen übernachten getrennt. Ausnahmen aufgrund räumlicher Gegebenheiten werden bereits in der Ausschreibung angekündigt und bedürfen der Zustimmung der Erziehungsberechtigten. Vor dem Betreten des Schlafbereichs oder -raums kündige ich mich immer an.

Umziehen

Die Garderoben von Mädchen und Jungen sind immer getrennt. Ich ziehe mich nicht vor Kindern und Jugendlichen um. Vor dem Betreten ihrer Garderoben klopfe ich immer an. Sprache und Wortwahl Ich spreche eine wertschätzende, wohlwollende, angemessene und nicht sexualisierte Sprache. Ich verwende keine abfälligen Bemerkungen oder Blossstellungen und dulde dies auch nicht unter den Kindern und Jugendlichen. Ich nenne sie beim Namen und benutze weder Kosenamen noch Verniedlichungen. Gesprächsthemen werden vom Kind oder Jugendlichen gesetzt und passen zum definierten Auftrag.

Fotografieren und Filmen

Ich mache keine audiovisuellen Aufnahmen (Fotos, Videos, Live-Streaming, Screenshots etc.) von Kindern und Jugendlichen ohne Absprache mit dem Verein Ferienpass Niederlenz. Ich filme oder fotografiere sie nie in Unterwäsche oder Badebekleidung.